Die Religionsgeschichte Nepals

Die wechselvolle Geschichte des Kathmandu Tals hat auch die Religion beeinflußt. Das religiöse Weltbild besteht aus einem Neben- und Übereinander von religiösen Richtungen, Schulen und Theorien. Hinduismus, Buddhismus, Tantrismus sowie Reste animistischer Urreligionen lassen sich nachweisen.
Nach dem Animismus sind alle Dinge beseelt, eine Vielzahl von guten und bösen Geistern ist überall zu finden. Der Buddhismus hat vermutlich in der Zeit des indischen Kaisers Ashoka (200 v.Chr.) Einzug gehalten. Das Volk bekannte sich formal zum Buddhismus, während die Herrscher immer Hindus waren. Unter dem Einfluß Nordindiens wandelte sich der frühe Buddhismus im Kathmandu Tal nach 100 n.Chr. allmählich zum Mahayana-Buddhismus (siehe unter "Mahayana-Buddhismus"). Ungefähr 500 n.Chr. entwickelte sich im nordindischen Mahayana-Buddhismus - unter dem Einfluß des Yoga-Kultes - eine Bewegung, die man Tantrismus nennt. Ihre Lehren und Praktiken wurden in den Tantras (Schriften) zusammengefaßt. Der Tantriker sucht die Erlösung durch magische Riten, mitunter auch durch orgiastische Praktiken.
Gegen Ende des 6. Jh.n.Chr. entstand unter dem Einfluß der Tantras ein shivaitischer Mystizismus, der weibliche Gottheiten, meist "Gattinnen Shivas", verehrt und Shaktismus genannt wird.
Im Shaktismus wird dem weiblichen Prinzip eine ausschlaggebende Bedeutung innerhalb des Weltprozesses zugeschrieben. Entweder wird die höchste Gottheit als weibliches Wesen verstanden (Durga, Kali etc.) oder die männliche Gottheit kann nur mit Hilfe von weiblichen Energien (shakti) ihre Wirksamkeit entfalten. Die Anhänger des Shaktismus lassen sich in zwei Gruppen unterscheiden, von denen das Ritual der "right hand"-Shaktas allen offensteht, während die Zeremonie der "left hand"-Shaktas geheim und nur Eingeweihten zugänglich ist. In ihren Riten werden die "fünf Mukara" angewandt: Mada (Wein), Matsja (Fisch), Mamsa (Fleisch), Mudra (geröstete Körner), Maithuna (Geschlechtsverkehr). Damit übertreten die Shaktisten bewußt eine dem orthodoxen Hindu gesetzte Tabugrenze, aber nicht um der Ausschweifung willen, sondern auch nur zur Erreichung des höchsten göttlichen Zieles.
Unter dem Einfluß der shaktischen Ideenwelt der Hindus entstand eine Richtung innerhalb des tantrischen Buddhismus, die auch shaktisches Vajrayana genannt wird, welche in der Vereinigung eines männlichen und weiblichen Prinzips die höchste Realität erblickt. Sie kam im frühen 10. Jh. nach Nepal. Shankaracharya, der große Hindu-Reformer, soll, obwohl er das Tal wohl nie selbst betreten hat, die buddhistischen Mönche und Nonnen gezwungen haben zu heiraten, da sie nicht asketisch lebten und sich an Sex-Riten beteiligten. Fortan mußten den buddhistischen Göttern Tieropfer gebracht werden. Die heiligen Bücher der Buddhisten soll er zerstört haben. Brahmanisch-hinduistische Zeremonien wurden neu belebt.
Der Buddhismus verlor an Einfluß, wandelte sich aber mit der Zeit, unter immer stärker werdender Betonung von Ritual und Mystizismus, zum shaktischen Vajrayana-Kult. Dieser Wandel trug in Nepal dazu bei, daß sich Shivaiten und Buddhisten näherkamen, im wesentlichen durch den gemeinsamen Kult der Verehrung. Orthodoxer Hinduismus und Mahayana-Buddhismus erfuhren eine Annäherung in der äußeren Form der Praktizierung der beiden Kulte im Ritual des Tantrismus. Übereinstimmung im Ritual führte dazu, daß beide Religionen Götter der jeweils anderen Seite in ihr Glaubensbild integrieren konnten. Die shaktischen Ideen sollen durch Yogis nach Nepal gekommen sein (7.-10. Jh.). Sowohl die buddhistische, als auch die shivaitische Tradition verehrt diese 84 großen Yogis oder Siddhas.
Durch die Kastengesetzgebung des Malla-Königs Jayasthiti, die sowohl Hindus wie Buddhisten einschloß, wurde die Entwicklung weitergetrieben, die durch Shankaracharya eingeleitet worden war, indem er die buddhistischen Mönche und Nonnen gezwungen hatte, zu heiraten. Die Mönche wurden zu Haushältern, wohnten mit ihren Familien weiterhin in den Klöstern und ergriffen den Beruf des Gold- und Silberschmiedes, der fortan erblich war. Sie wurden Familienpriester und bekamen liturgische Ämter in buddhistischen Tempeln. So entstand ein buddhistisches Priesteramt, das dieselben Funktionen hatte wie sein brahmanisches Gegenstück. Als 1846 der Rana-Klan an die Macht kam, war dies mit einer radikalen Sanskritisierung und Hinduisierung verbunden, eine Entwicklung, die bis 1951 andauerte.
Der Hinduismus war u.a. dazu bestimmt, das gesellschaftliche Prestige zu heben. Besonders Newars der Händlerkaste traten zum Hinduismus über. Ebenso ist es für die Angehörigen der höheren Schichten wichtig, ihre Religionszugehörigkeit zu betonen, während in den niedrigen Kasten wenig Unterschiede gemacht werden.


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