Die Stadtkultur

In den drei Städten des Kathmandu Tals, Kathmandu, Patan und Bhadgaon, zeigt sich eine hochstehende, von den Newar entwickelte Stadtkultur mit eigenem Hausstil. Die Städte mit ihren gepflasterten, engen, winkeligen Straßen, mindestens dreistöckigen festen Häusern, Tempeln und Tempelplätzen erinnern uns an bekannte mittelalterliche Stadtgebilde. Ein typisches Haus besteht aus Fachwerk (mit Ziegelfüllung), dessen schweres hölzernes Skelett aus dauerhaftem Sal-Holz gefertigt und reichlich mit Schnitzereien verziert ist. Besonders schön sind die Fenster- und Türrahmen gearbeitet. Da die Städte in der Vergangenheit vom Handel mit Tibet lebten, ist im Erdgeschoß immer ein Geschäft oder eine Werkstatt untergebracht. Darüber befinden sich die Wohnetagen. Die Küche ist direkt unter dem Dach, um zu verhindern, daß jemand von außen die rituelle Reinheit der Küche beschmutzen kann. Einen Schornstein gibt es nicht, der Rauch zieht durch die Fugen im Dach, das meist mit gebrannten Ziegeln oder Schiefer gedeckt ist, dichtet es so ab und hält das Ungeziefer fern. Zu den Häusern gehören Innenhöfe, die auch von der Straße her zu betreten sind. Besondere Beachtung kommt den meisterhaft geschnitzten Tür- und Fensterrahmen der Häuser zu. Hier zeigt sich die Holzschnitzkunst der Newar in ihrer Vollendung. Die Häuser sind über und über mit schmuckvollen Reliefarbeiten, Plastiken und filigranen Schnitzereien, durchbrochenen und exakt gearbeiteten Fenstergittern verziert; Zeugnisse einer fast einzigartigen Fertigkeit.
Die Datierung der hölzernen Kunstwerke gestaltet sich äußerst schwierig. Einziger Anhaltspunkt sind die Erbauungsdaten der Gebäude, welche ihrerseits nur selten bekannt sind und natürlich keinen sicheren Aufschluß über die Entstehungszeit der Holzarbeiten geben. Sicher ist jedoch, daß sich die Holzschnitzkunst der Newar vornehmlich im 15. und 16. Jahrhundert entwickelte und besonders bedeutende Schnitzereien im 16., 17. und 18. Jahrhundert entstanden. Diese Kunstwerke verdanken wir der Rivalität der damaligen 3 Königreiche im Kathmandu Tal; jeder Herrscher wollte seinen Palast mit den schönsten Verzierungen schmücken, und förderte somit beträchtlich die Entwicklung der Holzschnitzkunst. Bemerkenswert ist jedoch, daß selbst einfache Bauernfamilien ihre Fassaden reich mit unterschiedlichen Holzkunstwerken schmücken. Da die bei uns übliche Fensterverglasung den Newar unbekannt war, bedienten sie sich kunstvoll verzierter, hölzerner Fenstergitter. Sie konnten dadurch das Leben auf der Straße verfolgen, und blieben selbst vor ungewollten Blicken geschützt.
Die Fenster- und Türrahmen, wie auch Brüstungen, Balkone und Balken des Fachwerks, sind meist flächig mit Darstellungen aus der Mythologie oder geometrischen Formen geschmückt. Die Schnitzereien zeugen von außerordentlichem Können und Phantasie, aber auch die Zimmermannsarbeit der Fenster ist beachtlich. Die komplizierten Konstruktionen werden aus verschiedenen Einzelteilen zusammengesetzt und ohne Leim oder Eisennägel gehalten.
Meisterwerke dieser Kunst finden sich im Kathmandu Tal, vornehmlich im Hanuman Dhoka Palast (Kathmandu), im alten Königspalast in Patan und am Pujahari Math in Bhadgaon.
In der Blütezeit der Städte gab es ein ausgebautes Kanalisationsnetz und ein hochtechnisiertes Wasserversorgungssystem mittels Brunnen. Leider sind mit dem Zerfall der Hochkultur auch diese Errungenschaften vernachlässigt worden; Straße als auch Hinterhöfe ersetzten die fehlende Müllabfuhr. Allerdings wurden in den letzten Jahren diese unhygienischen Verhältnisse weitgehend beseitigt. Schmutzcontainer, die in der Stadt aufgestellt wurden, waren innerhalb kürzester Zeit überfüllt, da jeder die Gelegenheit nutzte, seinen Innenhof und die Straße zu säubern. Der Dreck ist also nicht Ausdruck "asiatischer Mentalität und Nachlässigkeit", sondern Ausdruck fehlender Organisation. Die Bauweise der nepalischen Pagoden ist wahrscheinlich aus dem alten Nordindien (5.-7.Jh.) übernommen worden und von Nepal über Tibet bis nach China und Japan gelangt. Die nepalische Pagode ist ein mehrgeschossiger turmartiger Schreintempel für hinduistisch-buddhistische Gottheiten. Sehr schöne Pagoden stehen in Bhaktapur und Patan. Die Restaurierung der Tempel und Pagoden, aber auch der Wohnhäuser in Bhaktapur wurde seit 1971 durch ein Entwicklungsprojekt der BRD gefördert (siehe "Bhadgaon").
An Straßenkreuzungen finden sich noch oft alte Brunnenanlagen und kleine Kultstätten. An besonders dunklen Straßenecken und bestimmten Plätzen stehen meist rotlackierte Feldsteine. Da der Glaube an Geister und Dämonen im Volksdenken noch immer eine Rolle spielt, wurden sie als Warnung vor den Treffpunkten der Geister und Dämonen aufgestellt. In Kathmandu ist der Geistertreff am Simhasattal, dem ältesten Platz der Stadt. Deshalb findet man dort besonders viele Steine. Allerdings wurde festgestellt, daß seit der Einführung des elektrischen Lichts in Kathmandu diese Steine vernachlässigt werden!


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